
Bis 2020 schien im Schweizer Erotikmilieu alles relativ stabil. Clubs liefen, Gäste kamen, das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage funktionierte – ruhig, diskret, lukrativ. Doch dann kam Corona. Und seither ist nichts mehr wie zuvor.
Phase 1: Der Corona-Kollaps
Mit dem ersten Lockdown standen viele Erotikbetriebe von einem Tag auf den anderen still. Saunaclubs mussten schließen, Sexarbeiterinnen verloren ihre Einkünfte, Support war kaum vorhanden. Die Pandemie bedeutete nicht nur einen Erwerbsausfall, sondern für viele den Einstieg in eine finanzielle Krise.
Viele Frauen konnten die Schweiz nicht verlassen – andere nicht einreisen. Selbst nach der ersten Lockerung kehrten nicht alle zurück: Unsicherheit, fehlendes Einkommen und gesundheitliche Bedenken sorgten für einen nachhaltigen Bruch.
Phase 2: Verlagerung ins Netz
Mit der physischen Unsichtbarkeit kam der digitale Boom:
Escort-Portale, OnlyFans, Telegram, verschlüsselte Privatkontakte – das Erotikbusiness verlagerte sich zunehmend ins Digitale. Für die Clubs war das ein Schock: Die Konkurrenz war plötzlich überall und kaum mehr greifbar.
Viele Gäste merkten: Es geht auch ohne Club.
Und viele Anbieter:innen stellten fest: Online ist flexibler, aber nicht unbedingt sicherer.
Phase 3: Nach der Pandemie kamen die nächsten Schläge
Kaum war die Pandemie überstanden, folgten die nächsten globalen Erschütterungen:
- Inflation durch gestiegene Energiepreise
- Krieg in der Ukraine und weltweite Unsicherheiten
- Lebenshaltungskosten auf Rekordniveau
Diese Entwicklungen trafen auch das Rotlichtmilieu mit voller Wucht:
- Mieten stiegen, Betriebskosten explodierten
- Marketing wurde teurer – Sichtbarkeit kostet Geld
- Auch Freier selbst spürten die Krise: weniger Geld, weniger Ausgaben für „Luxus“
Phase 4: Dumpingpreise & Preiskrieg – der Markt kippt
In dieser angespannten Lage begannen einige Clubs, mit den Preisen zu spielen.
Was früher 150–200 CHF kostete, wurde plötzlich für 100 CHF oder weniger angeboten – inkl. Eintritt, Dame, Service, Essen, Getränke. Ein Rennen nach unten begann.
Einige Betreiber warfen anderen Preisabsprachen und unlauteren Wettbewerb vor – so sehr, dass sich sogar die Wettbewerbskommission Weko einschaltete.
Was wie ein Kundenbonus klingt, ist in Wahrheit gefährlich:
- Die Qualität leidet
- Die Anbieterinnen verdienen weniger
- Der Markt wird instabil
- Und am Ende verlieren alle
Zwischen Regulierung, Realität und Resignation
Die Schweiz gilt international als Vorreiter für regulierte Sexarbeit – doch Regulation allein reicht nicht, wenn das Fundament bröckelt.
Ohne wirtschaftliche Stabilität, faire Preise und echte Perspektiven wird das Erotikgewerbe:
- verdrängt (durch Online)
- untergraben (durch Dumping)
- verschwiegen (aus Scham & Politik)
Fazit: Das Milieu verändert sich – ob wir es wollen oder nicht
Es ist nicht mehr die Welt vor Corona. Und auch nicht die nach Corona.
Es ist eine neue Zeit, mit neuen Herausforderungen – und alte Rezepte helfen nicht mehr.
Wer das Erotikgewerbe erhalten will, braucht:
- Realistische Preise
- Ehrliche Regulierung
- Fairen Wettbewerb
- Und vor allem: ein Bewusstsein, dass auch diese Branche Teil unserer Gesellschaft ist.