Hamburg: Beratungsstelle für Loverboy-Betroffene meldet 71 Prozent mehr Anfragen

Die Hamburger Beratungsstelle Fair Love verzeichnet deutlich mehr Anfragen: 2024 waren es 284 Beratungen, 2025 bereits 487 — ein Plus von 71,5 Prozent. Das berichtete der Evangelische Pressedienst am 17. Oktober 2026 bei evangelisch.de. Das Angebot der Diakonie Hamburg begleitet seit 2021 Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 21 Jahren, die über die sogenannte Loverboy-Methode in die Prostitution gedrängt werden.

Gemeint sind damit laut Beratungsstelle Männer, «die gezielt eine Liebesbeziehung zu einem minderjährigen Mädchen oder einer jungen Frau eingehen, mit dem Ziel, sie in die Prostitution zu zwingen». Der Kontakt entstehe meist über Instagram oder Snapchat, der Aufbau der Abhängigkeit könne bis zu einem Jahr dauern. Im Bundeslagebild für 2025 weist das deutsche Bundeskriminalamt 391 abgeschlossene Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung aus (plus 7,4 Prozent) und 574 ermittelte Opfer; bei 91 von ihnen, also 15,9 Prozent, lag die Loverboy-Methode vor. Die Diakonie fordert verpflichtende Schulungen für Fachkräfte, aufsuchende Beratung in digitalen Räumen, Schutzwohnungen und eine Polizei-Anlaufstelle für Minderjährige. Die Projektleitung ordnet den Anstieg der Beratungen in einem Interview mit der taz vom 15. Oktober allerdings nicht zwingend als mehr Fälle ein, sondern auch als Folge der grösseren Bekanntheit des Angebots.

Was das für die Branche heisst: Der Fall markiert genau die Grenze, auf die es ankommt. Zwang und Minderjährigkeit sind keine Sexarbeit, sondern Straftaten — und wer im Milieu arbeitet, Räume vermietet oder Inserate betreut, bemerkt Warnzeichen oft als erste Person: eine Begleitung, die Termine, Telefon und Geld kontrolliert, sehr junge Personen ohne eigene Dokumente, auffällig wechselnde Kontaktangaben. Gleichzeitig lohnt ein genauer Blick auf die politische Verwertung solcher Zahlen: Sie werden in der laufenden Verbotsdebatte regelmässig gegen die legale, selbstbestimmte Sexarbeit insgesamt ins Feld geführt. Die konkreten Forderungen der Diakonie — Schutzwohnungen, niederschwellige Anlaufstellen, geschulte Behörden — helfen Betroffenen dagegen unmittelbar, ohne den Rest der Branche zu kriminalisieren.

Welche Warnzeichen für Zwangssituationen nehmt ihr in eurem Arbeitsalltag wahr — und wüsstet ihr im Verdachtsfall, an welche Stelle ihr euch wenden könnt?