Das St. Galler Tagblatt hat am 11. Oktober 2026 über einen Abend im St. Galler Palace berichtet. Vorgestellt wurde dort eine historische Studie zur Sexarbeit in der Schweiz, danach diskutierte ein Podium über die heutige Lage. Autorin ist die St. Galler Historikerin Sarah Baumann; ihre Arbeit untersucht die sexuelle Arbeit von Frauen in der Schweiz zwischen 1950 und 1990 und ist unter dem Titel «Prekäre Liberalisierung» erschienen.
Der Befund, den die Zeitung aus dem Abend zieht, ist nüchtern: «Neben der strafrechtlichen Liberalisierung hat es wenig Fortschritte für heute mehrheitlich aus dem Ausland stammende Sexarbeiterinnen gegeben» (St. Galler Tagblatt, 11.10.2026). Als Hauptgrund, der Frauen in die Sexarbeit führt, nennt der Bericht nach wie vor Armut. Die Stigmatisierung gilt laut der Diskussion weiterhin als das hartnäckigste Problem.
Was das für die Branche heisst
Für uns ist das mehr als Geschichtsschreibung. Sexarbeit ist in der Schweiz seit Jahrzehnten legal — aber legal heisst nicht automatisch sicher, planbar oder anständig bezahlt. Über den Arbeitsalltag entscheiden andere Hebel: Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung, Zugang zu AHV, Krankenversicherung und einer korrekten Steuererklärung, bezahlbare und baurechtlich bewilligte Arbeitsräume — und die Frage, ob eine Behörden- oder Polizeikontrolle als Schutz oder als Druckmittel erlebt wird. Wer keinen gesicherten Status hat, kann sich auf Rechte schlecht berufen, auch wenn sie auf dem Papier bestehen. Das erklärt, warum kantonale Melde- und Bewilligungspflichten von Betroffenen oft als Kontrolle und nicht als Schutz wahrgenommen werden.
Für die laufende Debatte um ein Sexkaufverbot ist das ein relevanter Punkt: Wenn schon die Entkriminalisierung die Bedingungen nur begrenzt verbessert hat, lässt sich von einer neuen Kriminalisierung kaum eine Verbesserung erwarten — wohl aber zusätzlicher Druck auf jene, die ohnehin am wenigsten Verhandlungsmacht haben.
Quelle: Reto Voneschen im St. Galler Tagblatt vom 11. Oktober 2026 (Artikel kostenpflichtig).
Was hat sich in deinem Arbeitsalltag in den letzten Jahren wirklich verbessert — und was ist nur auf dem Papier besser geworden?