Der ORF Oberösterreich hat am 17. Oktober 2026 in seiner Interviewreihe «Auf ein Wort» ein Gespräch mit der deutschen Psychotherapeutin Ingeborg Kraus veröffentlicht. Anlass war der Europäische Tag gegen Menschenhandel vom 18. Oktober. Kraus trat dazu im ORF-Landesstudio in Linz auf, eingeladen von der Initiative «Aktiv gegen Menschenhandel – aktiv für Menschenwürde».
Kraus arbeitet nach eigenen Angaben seit rund 30 Jahren mit Betroffenen und beschreibt schwere psychische Folgen. Ihre politische Forderung: Österreich und Deutschland sollen auf das nordische Modell umstellen, bei dem Kunden bestraft werden, die Sexarbeitenden selbst aber straffrei bleiben. Die Verantwortung verortet sie bei der Nachfrage: «Ohne Nachfrage gibt es keine Prostitution.» Eine Welt ohne Prostitution hält sie für erreichbar, es brauche nur politischen Willen.
Was das für die Branche bedeutet
In Österreich ist Sexarbeit legal, geregelt aber über neun Landesgesetze mit Registrierung, regelmässigen Untersuchungen und in mehreren Bundesländern faktischer Bordellpflicht. Ein Sexkaufverbot wäre kein Detailumbau, sondern ein Systemwechsel auf Bundesebene – und er würde auch jene treffen, die heute vollständig angemeldet, versichert und steuerpflichtig arbeiten.
Aus Ländern mit Freierbestrafung berichten Sexarbeitenden-Organisationen seit Jahren vom gleichen Muster: kürzere Verhandlungen, weil die Kundschaft Angst hat, mehr Ausweichen an abgelegene oder private Orte, weniger Bereitschaft, Gewalt bei der Polizei zu melden. Die Nachfrage verschwindet nicht, sie wird unsichtbar – und mit ihr die Möglichkeit, Kundschaft vorher zu prüfen. Dass Zwang und Menschenhandel real existieren und konsequent verfolgt gehören, bestreitet dabei niemand. Strittig ist, ob ein Kaufverbot die Betroffenen erreicht oder ob es sie zusätzlich isoliert. Im ORF-Beitrag kam diese Gegenposition nicht vor.
Für die Schweiz ist das kein fernes Thema: Dieselbe Debatte läuft parallel in Deutschland und wird auch hier in Vorstössen regelmässig aufgeworfen.
Quelle: «Psychotherapeutin kritisiert Sexkauf», ORF Oberösterreich, 17. Oktober 2026.
Wie würde sich eure Arbeitsweise konkret ändern, wenn nicht ihr, sondern eure Kundschaft strafbar wäre?