Destigmatisierung von Sexarbeit: Warum Legalität in der Schweiz noch lange nicht Gleichstellung bedeutet
Die Schweiz gilt international als eines der liberalsten Länder im Umgang mit Sexarbeit. Wer hier sexuelle Dienstleistungen anbietet, tut das legal, selbstbestimmt und – zumindest auf dem Papier – als ganz normale erwerbstätige Person. Doch zwischen rechtlicher Legalität und gesellschaftlicher Akzeptanz klafft eine Lücke, die im Alltag tiefe Spuren hinterlässt. Sexarbeitende dürfen ihrer Arbeit nachgehen, scheitern aber an der Eröffnung eines Bankkontos. Sie zahlen Steuern, finden aber keine Wohnung, wenn sie ehrlich sind. Sie sind legal tätig – und führen trotzdem ein Doppelleben.
Genau diese Diskrepanz steht 2026 im Zentrum einer Debatte, die in der Schweiz so faktenbasiert geführt wird wie selten zuvor. Neue, erstmals quantitative Studien geben den Betroffenen eine Stimme, und sie zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild, als es Schlagzeilen und politische Vorstösse oft suggerieren. Dieser Artikel ordnet ein, warum die Destigmatisierung von Sexarbeit kein moralisches Nischenthema ist, sondern eine konkrete Frage von Sicherheit, Gesundheit und Grundrechten.
Legal, aber nicht gleichgestellt: der Schweizer Sonderweg
Sexarbeit ist in der Schweiz seit Jahrzehnten ein anerkannter Erwerbszweig. Wer volljährig ist, freiwillig handelt und sich an die kantonalen Auflagen hält, bewegt sich vollständig im legalen Rahmen. Sexarbeitende können sich als selbstständig Erwerbende anmelden, in die AHV einzahlen, sich versichern und ihre Einkünfte versteuern. Damit unterscheidet sich die Schweiz grundlegend von Ländern, die Prostitution verbieten oder über das sogenannte nordische Modell die Kundschaft kriminalisieren.
Doch Legalität ist nicht dasselbe wie Normalität. Während der Staat Sexarbeit als Arbeit behandelt, tut die Gesellschaft dies oft nicht. Das Stigma – die soziale Abwertung einer ganzen Berufsgruppe – wirkt unabhängig von der Rechtslage weiter. Fachleute sprechen mittlerweile offen von «Hurenphobie» oder «Whorephobia»: einer tief verankerten Feindseligkeit, die Sexarbeitende nicht nur verbal trifft, sondern ihnen den Zugang zu Dienstleistungen verwehrt, die für alle anderen selbstverständlich sind.
Dass die Mehrheit der Sexarbeitenden in der Schweiz Frauen mit Migrationsgeschichte sind, verschärft die Lage. Sie sind nicht nur mit der Stigmatisierung ihrer Tätigkeit konfrontiert, sondern oft gleichzeitig mit Sexismus, Rassismus und Klassismus. Diese Mehrfachdiskriminierung – Fachleute nennen sie intersektional – sorgt dafür, dass ausgerechnet die verletzlichsten Personen am stärksten unter dem Stigma leiden.
Was Stigma im Alltag konkret bedeutet
Abstrakte Begriffe wie «Stigmatisierung» werden greifbar, sobald man sich den Alltag ansieht. Es geht nicht um beleidigte Gefühle, sondern um handfeste Benachteiligungen.
Das Bankkonto-Problem
Wer bei der Kontoeröffnung ehrlich angibt, in der Sexbranche zu arbeiten, wird vielerorts abgewiesen. Recherchen Schweizer Medien zeigen, dass es nahezu unmöglich ist, mit dieser Berufsangabe ein Bankkonto zu erhalten. Viele Sexarbeitende geben deshalb einen anderen Beruf an oder landen bei der PostFinance, die aufgrund ihres gesetzlichen Grundversorgungsauftrags niemanden abweisen darf. Das ist kein Einzelfall, sondern strukturelle Diskriminierung durch den Finanzmarkt – mitten in einem Land, in dem die Tätigkeit völlig legal ist.
Versicherungen, die kündigen
Ähnlich verhält es sich mit Versicherungen. Es sind Fälle dokumentiert, in denen Versicherer sämtliche Policen eines Betriebs gekündigt haben, nachdem dieser seine Tätigkeit gegenüber Behörden offengelegt und damit legalisiert hatte – obwohl dasselbe Unternehmen jahrelang zuvor problemlos versichert war. Wer also den korrekten, transparenten Weg geht, wird dafür bestraft. Ein perverser Anreiz, der die Intransparenz fördert, die der Branche immer wieder vorgeworfen wird.
Wohnen und Doppelleben
Auch auf dem Wohnungsmarkt schlägt das Stigma zu. Bezahlbarer und sicherer Wohn- und Arbeitsraum ist für Sexarbeitende schwer zu finden, sobald die Tätigkeit bekannt wird. Selbst Plattformen für Kurzzeitvermietung haben einen schwierigen Umgang mit der Branche. Die Folge: Viele Betroffene führen ein Doppelleben. Sie verschweigen ihren Beruf gegenüber Vermietern, Nachbarn, manchmal sogar der eigenen Familie – aus Angst vor Kündigung, Ausgrenzung und sozialem Abstieg.
Dieses Verstecken hat einen Preis. Wer ständig fürchtet, «geoutet» zu werden, sucht im Problemfall keine Hilfe. Wer Gewalt erlebt, geht seltener zur Polizei. Wer gesundheitliche Beschwerden hat, meidet die Arztpraxis. Das Stigma macht Sexarbeitende nicht nur ärmer, sondern auch unsicherer – und genau hier wird Entstigmatisierung zur Frage von Leben und Gesundheit.
Die neue Datenlage 2026: erstmals sprechen die Betroffenen selbst
Lange wurde über Sexarbeitende geredet, selten mit ihnen. Das ändert sich. 2025 und 2026 sind in der Schweiz erstmals quantitative Studien erschienen, die direkt die Betroffenen befragen – und ihre Ergebnisse widersprechen vielen gängigen Annahmen.
Eine vielbeachtete Studie der Zürcher Hochschule ZHAW, durchgeführt von der Forscherin Virginia Beljean, hat erstmals systematisch erhoben, wie Sexarbeitende selbst zu den politischen Vorschlägen stehen, die angeblich ihrem Schutz dienen. Das Resultat ist deutlich: Rund 71 Prozent der Befragten lehnen ein Sexkaufverbot ab. Nur etwa 16 Prozent befürworten es, der Rest ist unentschieden.
Die Begründungen sind aufschlussreich. Knapp 58 Prozent gaben an, ihr Sicherheitsgefühl würde sich unter einem Verbot der Kundschaft verschlechtern. Rund drei Viertel fürchteten Einkommenseinbussen, und fast die Hälfte rechnete mit mehr Gewalt. Mit anderen Worten: Massnahmen, die im Namen des Schutzes von Sexarbeitenden vorgeschlagen werden, würden von eben diesen Sexarbeitenden mehrheitlich als Bedrohung empfunden.
Wichtig ist dabei die Einordnung, die auch die Studienautorin selbst vornimmt: Befragt wurden vor allem organisierte, eher etablierte Sexarbeitende. Personen in besonders prekären Verhältnissen sind in solchen Erhebungen schwer erreichbar und damit unterrepräsentiert. Die Zahlen sind also kein Endpunkt, sondern ein wichtiger Anfang – ein erstes belastbares Fundament in einer Debatte, die jahrzehntelang vor allem von Vermutungen lebte.
Warum die Branche das nordische Modell ablehnt
Immer wieder taucht in der Schweizer Politik die Forderung nach dem nordischen Modell auf, das nicht die Anbietenden, sondern die Kundschaft bestraft. Die Idee klingt für viele zunächst progressiv: Man will die «Nachfrage» austrocknen, ohne die vermeintlichen Opfer zu kriminalisieren.
In der Praxis aber zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern und zahlreiche Studien, dass ein Sexkaufverbot die Situation der Sexarbeitenden verschlechtert. Es drängt die Tätigkeit in den Untergrund, schwächt die Verhandlungsposition gegenüber Kunden, verkürzt die Zeit für Sicherheitsabklärungen und erschwert den Zugang zu Beratung und Schutz. Organisationen wie ProCoRe, das Schweizer Netzwerk zur Verteidigung der Rechte von Sexarbeitenden, sowie Menschenrechtsorganisationen warnen seit Jahren konsequent davor.
Auch das Schweizer Parlament hat sich entsprechend positioniert: Ein Vorstoss für ein Sexkaufverbot wurde im Nationalrat deutlich abgelehnt. Die Mehrheit folgte der Einschätzung, dass ein solches Verbot keinen besseren Schutz vor sexualisierter Gewalt bietet – im Gegenteil. Damit hat sich die Schweiz bewusst gegen die Kriminalisierung und für einen Weg entschieden, der Sexarbeit als Arbeit ernst nimmt.
Gewalt und Stigma hängen direkt zusammen
Wer das Stigma kleinredet, übersieht seinen direkten Zusammenhang mit Gewalt. Eine explorative Studie von ProCoRe, auf die sich auch Amnesty International bezieht, hat die Gewalterfahrungen von Sexarbeiterinnen in der Schweiz untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend: Übergriffe sind weit verbreitet. Besonders erschreckend ist der Befund zum sogenannten Stealthing – dem heimlichen Entfernen des Kondoms während des Akts. Rund 70 Prozent der Befragten gaben an, dies schon erlebt zu haben.
Der Zusammenhang mit dem Stigma ist kein Zufall. Wer als Sexarbeitende nicht ernst genommen wird, wessen Grenzen gesellschaftlich nicht als schützenswert gelten, wird häufiger zur Zielscheibe von Grenzverletzungen. Und wer aus Angst vor Stigmatisierung keine Anzeige erstattet, signalisiert Täter:innen ungewollt Straflosigkeit. Stigma ist damit kein Begleitphänomen von Gewalt, sondern einer ihrer Treiber.
Genau hier setzt das Argument für Entstigmatisierung an: Nicht aus Sentimentalität, sondern weil weniger Stigma messbar mehr Sicherheit bedeutet. Eine Sexarbeitende, die ohne Scham zur Polizei gehen, mit der Ärztin offen reden und sich an Beratungsstellen wenden kann, ist besser geschützt – vor Gewalt, vor Ausbeutung, vor gesundheitlichen Risiken.
«Nothing about us without us»: Entstigmatisierung heisst Beteiligung
Ein Slogan zieht sich durch die Bewegung der Sexarbeitenden: «Nothing about us without us» – nichts über uns ohne uns. Er bringt auf den Punkt, was Entstigmatisierung im Kern bedeutet: Sexarbeitende sollen nicht länger Objekt der Debatte sein, über das Politik, Kirche und Medien verhandeln, sondern Subjekte, die selbst mitentscheiden.
Dieser Anspruch gewinnt an Schlagkraft. 2024 hat sich in der Schweiz eine Koalition aus rund einem Dutzend Organisationen und Kollektiven gegründet, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden nachhaltig zu verbessern. Ihre Forderungen sind klar: ein menschenrechtsbasierter Ansatz, das Ende von gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und die Einbindung der Betroffenen in alle Entscheidungen, die sie betreffen.
Dass dieser Ansatz Wirkung zeigt, belegen die neuen Studien selbst. Wenn ungefähr die Hälfte der Befragten auf die Frage nach der besten Lösung antwortet, Sexarbeit solle behandelt werden «wie jede andere selbstständige oder angestellte Arbeit auch», dann formulieren die Betroffenen damit ein erstaunlich nüchternes, pragmatisches Ziel. Keine Sonderbehandlung, keine Heroisierung – einfach Normalität.
Was Entstigmatisierung praktisch heisst
Entstigmatisierung klingt nach einem grossen, abstrakten Projekt. Tatsächlich besteht sie aus vielen konkreten Schritten, an denen sich Politik, Wirtschaft, Medien und jede einzelne Person beteiligen können.
- Sprache: Begriffe prägen Wahrnehmung. «Sexarbeit» statt «Prostitution», «Sexarbeitende» statt abwertender Bezeichnungen – das ist kein sprachlicher Luxus, sondern ein Signal, dass es um Arbeit und um Menschen geht.
- Strukturen: Banken, Versicherungen und Vermieter, die Sexarbeitende nicht mehr ausschliessen, beseitigen Diskriminierung dort, wo sie am meisten schmerzt – im Zugang zu Grundleistungen.
- Sichtbarkeit: Beratungsstellen, Gesundheitsangebote und Aufklärung, die niederschwellig erreichbar sind, holen Menschen aus dem Versteck und damit aus der Gefahrenzone.
- Beteiligung: Wer Gesetze und Auflagen für die Branche entwirft, sollte Sexarbeitende an den Tisch holen – nicht erst zur Anhörung, sondern von Anfang an.
- Haltung: Im persönlichen Umgang fängt vieles an. Wer Sexarbeit nicht als moralisches Problem, sondern als legitime Erwerbstätigkeit behandelt, trägt Tag für Tag zum Abbau des Stigmas bei.
Die Rolle digitaler Plattformen
Ein oft unterschätzter Hebel für die Entstigmatisierung sind seriöse digitale Plattformen. Wo Angebot und Nachfrage transparent, sicher und respektvoll zusammenfinden, verliert die Branche das Halbseidene, das ihr das Stigma jahrzehntelang zugeschrieben hat. Diskrete, klare Inserate, verifizierte Profile und ein Umfeld, das Sexarbeitende als Dienstleistende und nicht als Randgruppe behandelt, normalisieren die Tätigkeit auf eine Weise, die kein politischer Vorstoss leisten kann.
Gerade in der Schweiz, wo Sexarbeit legal ist, können solche Plattformen eine Brücke bilden zwischen rechtlicher und gesellschaftlicher Akzeptanz. Sie geben den Anbietenden Kontrolle über ihre Darstellung, ermöglichen Sicherheitsabklärungen vor dem Treffen und schaffen einen geschützten Raum, der dem Doppelleben etwas von seiner Notwendigkeit nimmt.
Fazit: Entstigmatisierung ist ein Schutzprojekt, kein Luxus
Die Schweiz hat sich die liberale Rechtslage erarbeitet – und sie hält daran fest, wie die Ablehnung des Sexkaufverbots zeigt. Doch die neue Datenlage 2026 macht deutlich: Legalität allein genügt nicht. Solange Sexarbeitende kein Bankkonto eröffnen, keine Wohnung anmieten und keine Hilfe suchen können, ohne Diskriminierung zu fürchten, bleibt die Gleichstellung ein Versprechen auf dem Papier.
Entstigmatisierung ist deshalb kein moralisches Zugeständnis an eine Minderheit, sondern ein handfestes Schutzprojekt. Sie senkt das Gewaltrisiko, verbessert den Zugang zu Gesundheit und Recht und nimmt die Betroffenen endlich als das ernst, was sie sind: Menschen, die einer legalen Arbeit nachgehen. «Nothing about us without us» ist dabei mehr als ein Slogan – es ist die Bedingung dafür, dass aus einem liberalen Gesetz auch eine gerechte Realität wird.
Auf 6love verstehen wir Sexarbeit als das, was sie ist: eine legitime Dienstleistung, die Respekt, Diskretion und einen sicheren Rahmen verdient. Wer sich informieren, inserieren oder einfach vorurteilsfrei austauschen möchte, findet hier eine Community, die genau diese Haltung lebt.