Eine Fachberatungsstelle für ein ganzes Land: Sicherheit und Beratungsstellen in Thüringen (2026)

Thüringen ist, gemessen an den offiziellen Zahlen, ein kleines Bundesland für Sexarbeit. Zum 31. Dezember 2024 waren im Freistaat 242 Personen mit einer gültigen Anmeldung nach dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) registriert — 73 mehr als ein Jahr zuvor, aber immer noch deutlich weniger als Ende 2019, als das Thüringer Landesamt für Statistik 384 Personen zählte. Bundesweit waren es Ende 2025 rund 32.500. Thüringen stellt davon einen Bruchteil.

Kleine Zahlen bedeuten aber nicht kleine Probleme. Sie bedeuten vor allem eines: eine dünne Infrastruktur. Wer in Nordrhein-Westfalen oder Berlin arbeitet, findet in fast jeder größeren Stadt eine Fachberatungsstelle. In Thüringen gibt es genau eine — und sie sitzt in Erfurt. Wer in Gera, Nordhausen oder Suhl arbeitet, hat dieselben Rechte, aber deutlich weitere Wege.

Dieser Text sortiert, welche Anlaufstellen es in Thüringen gibt, was sie tatsächlich leisten, wo Schweigepflicht gilt und wo nicht — und was das Gesetz an Sicherheit in Betrieben vorschreibt, die du betrittst.

Drei Systeme, die oft verwechselt werden

Der häufigste Irrtum in der Beratungspraxis: Behörde, Gesundheitsamt und Fachberatungsstelle werden für dasselbe gehalten. Sie sind es nicht. Sie haben unterschiedliche Aufträge, unterschiedliche Pflichten und unterschiedliche Grenzen der Vertraulichkeit.

Die Behörde: zuständig, aber nicht dein Beistand

Mit dem Thüringer Gesetz zur Ausführung des Prostituiertenschutzgesetzes (ThürAGProstSchG), das am 1. Januar 2022 in Kraft trat, liegen die Aufgaben nach dem ProstSchG bei den Landkreisen und kreisfreien Städten — nicht mehr zentral beim Landesverwaltungsamt. Zuständig sind allerdings nur die Kreise und kreisfreien Städte, in deren Gebiet eine Gemeinde mit mindestens 30.000 Einwohnern liegt. Diese Schwelle stammt aus der Thüringer Verordnung über das Verbot der Prostitution und ist der eigentliche Flaschenhals des Systems: Sie entscheidet nicht nur darüber, wo Sexarbeit in Thüringen überhaupt erlaubt ist, sondern auch darüber, welches Amt deine Anmeldung entgegennehmen darf.

Die Behörde nimmt die Anmeldung entgegen, stellt die Anmeldebescheinigung aus, erteilt Erlaubnisse für Prostitutionsstätten und kontrolliert Betriebe. Sie ist Aufsicht. Sie ist keine Interessenvertretung. Das Anmeldeverfahren selbst ist in Thüringen verwaltungskostenfrei — das Land hat auf Gebühren verzichtet und erstattet den Kommunen die Kosten. Wie der Ablauf konkret aussieht und welche Reihenfolge die Termine haben, ist in einem eigenen Beitrag Schritt für Schritt beschrieben.

Das Gesundheitsamt: vertraulich, aber verpflichtend

Die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG führen die Gesundheitsämter der Landkreise und kreisfreien Städte durch. Sie ist Pflicht, sie ist gebührenfrei, und sie ist vertraulich: Dritte dürfen nur mit beiderseitigem Einverständnis und ausschließlich zur Sprachmittlung hinzugezogen werden. Die Bescheinigung über die Beratung kann auf Wunsch auf einen Aliasnamen ausgestellt werden.

Wichtig ist der Unterschied zur Untersuchung: Es ist eine Beratung, keine Zwangsuntersuchung. Du musst dich nicht ausziehen, du musst keinen Test machen lassen. Du kannst Tests dort ansprechen — aber die Beratung ist ein Gespräch, kein medizinischer Check.

Die Fachberatungsstelle: freiwillig, anonym, auf deiner Seite

Seit November 2021 gibt es in Erfurt die Fachberatungsstelle allerd!ngs – Support Sexwork Thüringen, in Trägerschaft von Brennessel e.V. und gefördert über die Thüringer Beauftragte für die Gleichstellung von Frau und Mann. Sie ist die einzige spezialisierte Anlaufstelle für Sexarbeitende im Freistaat.

Das Angebot: anonym, kostenlos, freiwillig, online wie vor Ort. Beraten wird auf Deutsch, Englisch und Rumänisch, bei Bedarf mit Dolmetschenden. Die Stelle berät unabhängig davon, ob du angemeldet bist, welchen Aufenthaltsstatus du hast oder wo du arbeitest — Bordell, Wohnung, Escort, Straße, Massage. Themen sind Fragen zum Sexgeschäft, Begleitung und Unterstützung im Umgang mit Behörden, Professionalisierung und sexuell übertragbare Infektionen. Wo eigene Kompetenz endet, etwa bei komplexen Rechtsfragen, wird an spezialisierte Stellen weitervermittelt.

Die Kontaktwege: Friedrich-Ebert-Straße 60, 99096 Erfurt; telefonisch unter 01520 8778972 oder 01520 8778301; per E-Mail an [email protected]; Onlineberatung über allerdings-thueringen.assisto.online.

Der entscheidende Punkt für die Praxis: Diese Stelle hat keinen Kontrollauftrag. Sie meldet nichts weiter. Sie ist der Ort, an dem du eine Frage stellen kannst, bevor du sie einer Behörde stellst.

Was das Gesetz an Sicherheit vorschreibt — und was Kontrollen finden

Sicherheit ist im ProstSchG nicht nur eine Empfehlung, sondern eine Betreiberpflicht. § 18 ProstSchG legt Mindestanforderungen an Räume fest, die für das Prostitutionsgewerbe genutzt werden: Jeder einzelne für sexuelle Dienstleistungen genutzte Raum muss über ein sachgerechtes Notrufsystem verfügen, die Türen müssen von innen jederzeit zu öffnen sein, und es muss angemessene Sanitärausstattung für Prostituierte, Beschäftigte und Kundschaft geben. Der Betreiber ist verpflichtet, die Einhaltung während des laufenden Betriebs sicherzustellen. Die Rechtsprechung hat den Notruf konkretisiert: Die alarmierte Person muss zum Eingreifen verpflichtet und für wirksame Hilfe im Fall eines Übergriffs qualifiziert sein. Ein Klingelknopf, der irgendwo ins Leere läutet, erfüllt die Anforderung nicht.

§ 32 ProstSchG regelt die Kondompflicht: Kundinnen und Kunden wie Prostituierte haben dafür Sorge zu tragen, dass beim Geschlechtsverkehr Kondome verwendet werden. Betreiber müssen darauf durch einen gut sichtbaren Aushang hinweisen. Und Werbung, die Gelegenheit zu sexuellen Dienstleistungen ohne Kondom in Aussicht stellt, ist verboten — auch in mittelbarer oder sprachlich verdeckter Form.

Wie ernst das genommen wird, zeigt die Kontrollbilanz. Nach Angaben des Thüringer Innenministeriums fanden zwischen 2022 und 2025 insgesamt 164 Kontrollen im Zusammenhang mit Prostitution statt. Gefunden wurden dabei unter anderem Personen ohne die erforderliche Anmeldebescheinigung, in mehreren Fällen defekte Notrufsysteme und in einigen Fällen fehlende Hinweisschilder zur Kondompflicht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2023 und für 2024 jeweils einen festgestellten Fall von Zwangsprostitution aus.

Für dich heißt das praktisch: Der Notruf im Zimmer ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das nachweislich ausfällt. Prüfe ihn beim Einzug in ein Zimmer, nicht wenn du ihn brauchst. Frag, wer am anderen Ende sitzt, ob diese Person während deiner gesamten Arbeitszeit anwesend ist und was sie im Ernstfall tut. Prüfe die Tür von innen. Notiere dir, in welchem Landkreis du gerade bist — das entscheidet darüber, welches Ordnungsamt zuständig ist, wenn du einen Mangel melden willst. Melden kannst du übrigens auch, ohne dich selbst zu exponieren: Die Fachberatungsstelle kann als Mittlerin auftreten.

Gesundheit ohne Aktenspur

Die Pflichtberatung beim Gesundheitsamt ersetzt keine medizinische Versorgung. Für Tests und Behandlung gibt es in Thüringen ein zweites, niedrigschwelliges Netz.

Die AIDS-Hilfe Thüringen e.V., 1990 in Erfurt gegründet, bietet kostenlose und anonyme Tests auf HIV und Syphilis sowie Tests auf Hepatitis C an, dazu Beratung zu HIV, Hepatitiden und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Erreichbar ist der Verein unter anderem über die Messenger-Beratung „Checkpoint Erfurt" (+49 1577 6296947 über Signal, WhatsApp oder Telegram), über die Telefonberatung 0180 3319411 (Montag bis Freitag 9–21 Uhr, Samstag und Sonntag 12–14 Uhr) sowie über die kostenlose Onlineberatung unter aidshilfe-beratung.de.

Zusätzlich bieten die Thüringer Gesundheitsämter eine eigene, von der ProstSchG-Beratung getrennte Beratung zu HIV und sexuell übertragbaren Erkrankungen an — ebenfalls anonym möglich. Diese beiden Wege sind bewusst voneinander unabhängig: Ein Test bei der AIDS-Hilfe landet nicht in einer ProstSchG-Akte, und die Pflichtberatung nach § 10 ist keine Gesundheitsakte über dich.

Wenn Gewalt, Druck oder Ausbeutung im Spiel sind

Hier ändert sich die Logik. Bei Gewalt geht es nicht mehr um Zuständigkeiten, sondern um Reihenfolge — und die richtige Reihenfolge beginnt fast nie bei der Polizei, sondern bei einer Stelle, die dich berät, bevor du entscheidest, ob du Anzeige erstatten willst.

bekom thüringen ist die Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel im Freistaat — zuständig für alle Ausbeutungsformen, also sexuelle Ausbeutung ebenso wie Arbeitsausbeutung. Beraten wird unabhängig von Herkunft, Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Sprachkenntnissen, auf Wunsch anonym. Zum Angebot gehören Krisenintervention, längerfristige Begleitung, mobile Beratung, Online- und Chatberatung sowie Begleitung zu Polizei, Ärztinnen und Ärzten, Anwältinnen und Anwälten und Behörden. Beratung ist auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch möglich, mit Sprach- und Kulturmittlung nach Bedarf, und auch in leichter Sprache.

Daneben stehen zwei bundesweite Nummern, die rund um die Uhr funktionieren und die du dir merken solltest, weil du sie im Ernstfall nicht recherchieren kannst:

  • 116 016 — Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen": kostenlos, anonym, 24 Stunden an 365 Tagen, Beratung in 18 Fremdsprachen, bei Bedarf mit Dolmetschenden. Die frühere Nummer 08000 116 016 läuft parallel weiter.
  • 116 006 — Opfertelefon des Weissen Rings, für Betroffene von Kriminalität und Gewalt. In Thüringen arbeiten rund 100 Ehrenamtliche des Vereins, verteilt über Außenstellen in den Landkreisen; Begleitung vor Ort ist damit auch außerhalb Erfurts möglich.

Eine Übersicht der Opferhilfeeinrichtungen sowie der Frauenhäuser und Frauenschutzwohnungen im Land führt das Thüringer Ministerium für Justiz, Migration und Verbraucherschutz auf seiner Website. Für die verbindliche Zuständigkeit — welches Frauenhaus aufnimmt, welche Stelle vor Ort erreichbar ist — ist immer diese amtliche Übersicht beziehungsweise die jeweilige Kommune maßgeblich.

Die Lücke, die niemand wegdiskutiert

Thüringen hat 17 Landkreise und fünf kreisfreie Städte — und eine spezialisierte Fachberatungsstelle. Das ist keine Kritik an der Stelle selbst, deren Team seit 2021 aus dem Nichts eine Struktur aufgebaut hat, die es vorher gar nicht gab. Es ist eine Beschreibung der Reichweite: Ein Team in Erfurt kann aufsuchend arbeiten, aber nicht in jedem Landkreis präsent sein. Wer im Eichsfeld, im Altenburger Land oder im Wartburgkreis arbeitet, hat den kürzesten Weg zur Fachberatung meist über Telefon, Messenger oder die Onlineberatung — nicht über die Tür.

Dazu kommt der finanzielle Rahmen. Der Thüringer Landeshaushalt 2026/2027 hat ein Volumen von 14,8 Milliarden Euro (2026) beziehungsweise 15,1 Milliarden Euro (2027), sieht aber globale Minderausgaben von 210 Millionen Euro pro Jahr vor, die alle Ressorts erwirtschaften müssen. Was das für einzelne Förderpositionen im Beratungsbereich am Ende bedeutet, entscheidet sich in der Bewirtschaftung, nicht im Gesetzblatt — verlässlich Auskunft gibt hier nur die fördernde Stelle selbst.

Parallel läuft eine ordnungspolitische Debatte: Im Dezember 2025 wurde im Thüringer Landtag eine parlamentarische Anfrage unter dem Titel „Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution in Thüringen (Nordisches Modell)" eingebracht (Drucksache 8/1735); die Antwort des Innenministeriums datiert vom 3. Februar 2026 (Drucksache 8/2847). Ob daraus mehr wird als eine Anfrage, ist offen. Für die Praxis heißt es vor allem: Die Rahmenbedingungen, unter denen Beratung in Thüringen stattfindet, sind politisch in Bewegung — was heute gilt, ist die Rechtslage, nicht eine Garantie.

Was du vor dem ersten Arbeitstag in Thüringen geklärt haben solltest

Wer nur für ein paar Tage nach Thüringen kommt, hat für Recherche keine Zeit. Deshalb gehört das Folgende vor die Anreise, nicht danach:

  1. Zuständigkeit klären. Welcher Landkreis, welche kreisfreie Stadt? Danach richtet sich, welches Amt für Anmeldung, gesundheitliche Beratung und Betriebskontrolle zuständig ist. Das Serviceportal des Freistaats (buerger.thueringen.de) führt die Leistungen nach Ort auf.
  2. Nummern speichern, bevor du sie brauchst: 116 016, 116 006, die Fachberatungsstelle, bekom thüringen.
  3. Notrufsystem und Tür prüfen, in jedem Zimmer, an jedem neuen Ort — mit der Frage, wer konkret reagiert.
  4. Die Aushänge ansehen. Fehlt der Kondompflicht-Aushang, sagt das etwas über den Betrieb, lange bevor es etwas über das Recht sagt.
  5. Finanzen mitdenken. Beratungsstellen ersetzen keine steuerliche Beratung; wie Einkommensteuer, Umsatzsteuer und Sozialversicherung bei Sexarbeit im Freistaat zusammenspielen, ist gesondert aufgearbeitet.
  6. Eine Vertrauensperson informieren, die weiß, wo du bist und wann du dich wieder meldest. Das ist die einzige Sicherheitsmaßnahme auf dieser Liste, die keine Behörde für dich organisiert.

Kurz gefasst

Sicherheit und Beratungsstellen in Thüringen sind kein einheitliches System, sondern drei getrennte: die Behörde, die kontrolliert; das Gesundheitsamt, das vertraulich, aber verpflichtend berät; und die freie Fachberatung, die freiwillig, anonym und ohne Meldepflicht arbeitet. Dazu kommt ein Gewaltschutznetz aus bekom thüringen, Hilfetelefon, Weissem Ring, Frauenhäusern und AIDS-Hilfe.

Das Netz ist dünner als in westdeutschen Flächenländern, aber es existiert — und es funktioniert am besten, wenn du es kennst, bevor etwas passiert. Für alles Verbindliche gilt: Zuständig sind die Behörden deines Landkreises beziehungsweise deiner kreisfreien Stadt; sie geben verlässliche Auskunft zu Fristen, Terminen und Anforderungen im Einzelfall.