Ein Markt ohne Schublade: Männliche und trans Sexarbeit in der Schweiz 2026

Ein Markt ohne Schublade: Männliche und trans Sexarbeit in der Schweiz 2026

Wenn in der Schweiz über Sexarbeit gesprochen wird, steht ein Bild im Raum, das seit vierzig Jahren dasselbe geblieben ist: eine Frau, ein Mann, ein Salon oder ein Strassenstrich. Fast die gesamte Infrastruktur der Branche ist um dieses Bild herum gebaut – die Beratungsstellen, die Präventionskampagnen, die kommunalen Reglemente, die Kategorien auf den Portalen, sogar die Forschung. Wer nicht hineinpasst, arbeitet nicht weniger, sondern nur unsichtbarer.

Männliche und trans Sexarbeitende sind der Teil des Schweizer Erotikmarkts, über den es am wenigsten Daten, am wenigsten Angebote und am meisten Vermutungen gibt. Gleichzeitig ist es der Teil, der sich durch die Digitalisierung am stärksten verändert hat – weil er nie so stark an feste Orte gebunden war wie die klassische Salonarbeit. Dieser Artikel versucht, den Markt so nüchtern zu beschreiben, wie es die dünne Datenlage zulässt: was man weiss, was man nicht weiss, wo die Nachfrage tatsächlich herkommt, und wo Recht, Gesundheitsversorgung und Plattformlogik 2026 hinter der Realität zurückbleiben.

Was man weiss – und was man vor allem nicht weiss

Die ehrlichste Aussage zuerst: Es gibt in der Schweiz keine belastbare Statistik darüber, wie viele Männer und wie viele trans Personen sexuelle Dienstleistungen anbieten. Das Bundesamt für Statistik erhebt es nicht, die Kantone erheben es uneinheitlich, und dort, wo Meldeverfahren existieren, wird das Geschlecht entweder gar nicht oder nur nach amtlichem Eintrag erfasst – was bei trans Personen systematisch danebenliegt.

Was es gibt, sind Schätzungen aus der aufsuchenden Sozialarbeit. Für die Stadt Zürich kursiert seit Jahren die Grössenordnung von bis zu 700 Männern, die sexuelle Dienstleistungen anbieten. Diese Zahl stammt aus der Beratungspraxis, nicht aus einer Erhebung, sie ist nicht aktualisiert und sollte entsprechend vorsichtig gelesen werden. Ihr Wert liegt weniger in der Präzision als darin, dass sie eine Grössenordnung markiert, die niemand offiziell führt.

Ein zweiter Anhaltspunkt: In der Berner Fachstelle XENIA tauchten über Jahre hinweg nur zwei, drei männliche Sexarbeiter pro Jahr in der Beratung auf. Das ist keine Aussage über die Anzahl Arbeitender – es ist eine Aussage über Erreichbarkeit. Wer nicht kommt, existiert im System nicht.

Internationale Online-Erhebungen geben eine grobe Verteilung: Eine britische Auswertung von online inserierenden Sexarbeitenden kam auf rund 73 Prozent Frauen, gut 19 Prozent Männer, 3 Prozent trans Personen und knapp 3 Prozent non-binäre oder intersexuelle Personen. Das ist nicht die Schweiz, und Online-Inserate sind nicht der ganze Markt. Aber wenn auch nur annähernd jede fünfte inserierende Person männlich ist, dann beschreibt eine Branchendebatte, die dieses Segment gar nicht erwähnt, die Hälfte der Wirklichkeit nicht.

Für trans Sexarbeitende gilt eine zusätzliche, gut belegte Beobachtung: Gemessen am Bevölkerungsanteil arbeiten proportional mehr trans als cis Personen in der Sexarbeit. Der Grund, den Fachorganisationen wie ProCoRe dafür nennen, ist unromantisch und ökonomisch – Sexarbeit bietet Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt auf Diskriminierung stossen, einen der wenigen niederschwelligen Zugänge zu Einkommen. Das ist keine Erfolgsgeschichte, sondern eine Folge von Ausschluss an anderer Stelle. Beides gleichzeitig zu sagen, gehört zu einer ehrlichen Beschreibung des Marktes.

Drei Märkte, nicht einer

Der häufigste analytische Fehler besteht darin, «männliche und trans Sexarbeit» als eine Kategorie zu behandeln. Faktisch sind es mindestens drei Teilmärkte mit unterschiedlicher Kundschaft, unterschiedlicher Preisbildung und unterschiedlichen Risiken.

Männer für Männer

Das grösste und älteste Segment. Es ist stark digitalisiert – spezialisierte Escort-Portale und Dating-Apps haben die Bar- und Strassenszene weitgehend als Erstkontakt abgelöst. Die Arbeit ist mobil, oft im Hotel oder beim Kunden, und sie überschneidet sich fliessend mit Reise- und Tourenmodellen. Charakteristisch ist eine hohe Rotation: Viele arbeiten wenige Wochen an einem Ort, weil die lokale Nachfrage in einem überschaubaren Community-Markt schnell gesättigt ist.

Gesundheitlich ist dieses Segment gut untersucht und zugleich schlecht versorgt. Studien zu Internet-Escorts, die Männer bedienen, weisen seit Jahren eine deutlich erhöhte STI- und HIV-Last aus – bei gleichzeitig geringer Anbindung an spezialisierte Angebote. Die Formulierung «hidden key population» aus der Public-Health-Literatur trifft es präzise: bekannt als Risikogruppe, unbekannt als Personengruppe.

Männer für Frauen und Paare

Das kleinste, am stärksten mythologisierte Segment. Es existiert real, ist aber quantitativ klein und ökonomisch instabil: hohe Anfragezahlen, niedrige Umwandlungsquote, viele nicht bezahlte Vorgespräche. Wer hier arbeitet, verkauft in der Praxis selten eine reine Dienstleistungssitzung, sondern ein Gesamtpaket aus Zeit, Verlässlichkeit und Gesprächsfähigkeit. Der Aufwand vor der Buchung ist der eigentliche Kostenfaktor.

Interessant ist dieses Segment vor allem, weil es die Nachfrageseite sichtbar macht, über die sonst geschwiegen wird – und weil es Männlichkeitsbilder berührt, die auch auf der Kundenseite in Bewegung geraten sind. Wer sich dafür interessiert, wie sich männliche Sexualität und ihre medialen Prägungen verschieben, findet in der Debatte über Pornokonsum und Selbstbild einen Teil derselben Entwicklung.

Trans Sexarbeit

Das Segment mit der auffälligsten Diskrepanz zwischen Nachfrage und gesellschaftlicher Anerkennung. Die Kundschaft besteht in weiten Teilen aus Männern, die ausserhalb der Buchung heterosexuell leben. Diese Diskretionsanforderung prägt alles: die Kommunikationswege, die Ortswahl, die Zahlungsart – und die Verhandlungsposition. Wo eine Buchung nicht existieren darf, ist der Kunde zu mehr bereit, aber auch schneller gewaltbereit, wenn er sich entdeckt fühlt.

Gleichzeitig ist es das Segment mit den höchsten Zugangshürden zu Gesundheitsversorgung. Fachpersonen aus dem städtischen Zürcher Arbeitsbereich «Männliche und Trans Sexarbeit» beschreiben seit Jahren dieselbe Kette: Wer in einer Praxis mit falschem Namen aufgerufen wird, kommt kein zweites Mal – unabhängig davon, wie gut die medizinische Leistung war.

Warum «Wachstumsmarkt» keine Übertreibung ist

Wachstum heisst hier nicht zwingend: mehr Menschen. Es heisst: mehr Sichtbarkeit, mehr Buchbarkeit, mehr abrechenbare Kanäle.

Die Plattformlogik passt. Männliche und trans Sexarbeit war nie so stark an bewilligte Betriebsräume gebunden wie die klassische Salonarbeit. Genau deshalb hat sie von der Verlagerung ins Digitale überproportional profitiert. Ein internationaler Forschungsüberblick von 2025 zu digital vermittelter Sexarbeit bei Männern beschreibt exakt diesen Effekt: unabhängiges Arbeiten ohne Vermittlungsstruktur, direkte Preissetzung, Kundenauswahl vor dem ersten Kontakt.

Die Nachfrage war immer da, nur unadressiert. Sie ist nicht entstanden, sie wurde buchbar. Ein Suchfeld und eine Filterkategorie leisten, wozu es früher eine bestimmte Bar an einer bestimmten Strasse brauchte.

Die Nische zahlt. In einem Markt, in dem das Standardangebot preislich unter Druck steht, ist ein klar abgegrenztes Segment mit begrenztem Angebot betriebswirtschaftlich die stabilere Position. Das ist der nüchterne Grund, warum spezialisierte Anbietende in der Schweiz häufig über der Marktmitte liegen.

Abo- und Content-Modelle greifen früher. Wer ohnehin eine digitale Reichweite aufbauen muss, um überhaupt gefunden zu werden, baut sie auch für Content. Die Übergänge zwischen Buchungsgeschäft und digitalem Zweiteinkommen sind in diesem Segment fliessender als im klassischen Salonmodell.

Was dabei nicht wächst, ist die Stützstruktur. Und das ist der eigentliche Befund.

Die Infrastruktur hinkt strukturell hinterher

Die Schweizer Beratungslandschaft für Sexarbeitende ist gut – aber sie ist überwiegend für Frauen gebaut worden, und zwar aus historisch nachvollziehbaren Gründen. Frauenspezifische Schutzräume sind ein Gewinn, den niemand zurückbauen sollte. Nur beantwortet er die Frage nicht, wohin ein 24-jähriger Escort aus Brasilien geht, der seit drei Wochen in Zürich arbeitet.

Es gibt Antworten, sie sind nur klein und lokal. Die Anlaufstelle Herrmann im Zürcher Niederdorf besteht seit 1998, wird von der Zürcher Aids-Hilfe getragen und von der Stadt unterstützt; sie bietet Essen, Kondome, Internetzugang und Unterstützung bei Alltags- und Gesundheitsfragen – geöffnet an drei Nachmittagen pro Woche für je rund drei Stunden. Die Stadt Zürich führt einen eigenen Arbeitsbereich für männliche und trans Sexarbeit. In Genf betreibt Aspasie mit «Male Sex Work» aufsuchende Arbeit in der Innenstadt. ProCoRe als nationaler Zusammenschluss hat dem Thema 2023 eine eigene Magazinausgabe gewidmet.

Das ist, gemessen an der geschätzten Marktgrösse, wenig. Es bedeutet konkret: In den meisten Kantonen existiert kein niederschwelliges Angebot, das männliche oder trans Sexarbeitende gezielt anspricht. Wer in Chur, Frauenfeld oder Sion arbeitet, ist auf allgemeine Angebote angewiesen – und geht im Zweifel gar nicht hin. Wie unterschiedlich Zuständigkeiten selbst über kurze Distanzen ausfallen, zeigt der Blick über die Grenze: Die Frage, wer bei Sexarbeit im Saarland tatsächlich zuständig ist, lässt sich ähnlich verworren beantworten wie in mancher Schweizer Region.

Recht: geschlechtsneutral geschrieben, ungleich erlebt

Sexarbeit ist in der Schweiz für alle Geschlechter legal, und die einschlägigen Erlasse sind sprachlich neutral formuliert. Die Ungleichheit entsteht nicht im Gesetzestext, sondern in der Anwendung.

Meldeverfahren und Ausweisdokumente. Angehörige von EU- und EFTA-Staaten können im Meldeverfahren bis zu 90 Tage pro Jahr selbständig erwerbstätig sein; Kantone wie Zürich oder Genf verlangen zusätzlich eine Registrierung des Prostitutionsgewerbes. Für trans Personen wird daraus ein Nadelöhr: Stimmen Name oder Geschlechtseintrag im Ausweis nicht mit dem gelebten Geschlecht überein, bedeutet jeder Behördengang ein unfreiwilliges Outing – gegenüber Schalterpersonal, Polizei und Kontrollorganen. Die Schweiz hat die Änderung des Geschlechtseintrags 2022 stark vereinfacht, doch das hilft nur Personen mit Schweizer Personenstand. Wer mit einem Dokument aus einem Herkunftsland einreist, in dem eine Änderung nicht möglich ist, bleibt in der Lücke.

Kontrolle und Profiling. Kontrollpraxis richtet sich faktisch nach Sichtbarkeit. Wer sichtbar trans ist, wird häufiger angesprochen, häufiger kontrolliert – und meldet Übergriffe trotzdem seltener, weil jede Anzeige den eigenen Aufenthalts- und Meldestatus in die Akte zieht. Der Kanton Genf hat mit seiner LProst ein besonders dichtes System aufgebaut, in dem die Meldepflicht selbst zum Sanktionshebel wird – ein Mechanismus, der Personen mit ohnehin prekärem Status härter trifft.

Steuern und Sozialversicherung. Hier ist die Rechtslage erfreulich unspektakulär: Die Ausgleichskasse interessiert sich für Einkommen und Selbständigkeit, nicht für Geschlecht oder Dienstleistung. Wer den Status als Selbständigerwerbende oder Selbständigerwerbender sauber anmeldet, baut sich damit AHV-Jahre und einen nachweisbaren Einkommensverlauf auf – letzteres ist ausgerechnet für trans Personen doppelt wertvoll, weil es bei Wohnungssuche und Kreditfragen als Bonitätsnachweis dient. Wie das Verfahren praktisch abläuft, lässt sich am Beispiel eines kleinen Kantons gut nachvollziehen: Die Kasse fragt nach dem Einkommen, nicht nach der Dienstleistung.

Gesundheit: 2026 ist ein Entscheidungsjahr

Für dieses Marktsegment fällt Ende 2026 ein Entscheid, der mehr verändert als jede kantonale Reglementsrevision.

Die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) wird in der Schweiz seit dem 1. Juli 2024 bei entsprechender Indikation von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen – allerdings nur über Anbieter, die an das Programm SwissPrEPared angebunden sind. Diese Kostenübernahme ist befristet und wird bis Dezember 2026 daraufhin evaluiert, ob Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllt sind und die PrEP definitiv in den Leistungskatalog aufgenommen wird. Zur indizierten Gruppe zählen ausdrücklich Männer – cis wie trans – sowie trans Frauen, die Sex mit Männern haben. Für ein Segment mit dokumentiert hoher HIV- und STI-Last ist das die relevanteste gesundheitspolitische Frage des Jahres.

Daneben verschiebt sich die Testlogik generell: Der starre Drei-Monats-Rhythmus, der jahrelang als Faustregel galt, weicht einem risikoangepassten Vorgehen. Warum die Schweiz 2026 vom fixen Testtakt abrückt, ist für Anbietende mit hoher Kontaktzahl unmittelbar praxisrelevant.

Zwei weitere Punkte gehören in dieses Kapitel, auch wenn sie unbequem sind. Erstens die Überschneidung von Chemsex und Buchung, die im Segment Männer-für-Männer statistisch deutlich häufiger auftritt als im übrigen Markt – was man vor einer Zusage über eine Buchung wissen sollte, die nicht enden will, gilt hier in besonderem Mass. Zweitens die Wechselwirkung von Hormontherapie und Arbeitsrhythmus: Nachtarbeit, unregelmässige Kontrolltermine und ein Wohnsitz, der alle paar Wochen wechselt, sind der häufigste Grund für Therapieunterbrüche – ein medizinisches Problem, das als Logistikproblem beginnt.

Gewalt: die Zahl, die man nicht wegargumentieren kann

Das Trans Murder Monitoring der europäischen Dachorganisation TGEU zählte für den Zeitraum Oktober 2024 bis September 2025 weltweit 281 gemeldete Tötungen an trans und geschlechtsdiversen Personen. Unter den Fällen, bei denen der Beruf bekannt ist, stellen Sexarbeitende mit 34 Prozent die grösste Gruppe. 90 Prozent der Getöteten waren trans Frauen oder transfeminine Personen, 88 Prozent Schwarze Personen oder Personen of Colour. Diese Zahlen stammen überwiegend aus Ländern mit anderer Rechtslage und anderem Gewaltniveau als die Schweiz – sie taugen nicht zur direkten Übertragung. Sie taugen aber sehr wohl als Beschreibung dessen, worauf sich Risikoprofile in diesem Segment kumulieren: Geschlecht, Hautfarbe, Beruf, Aufenthaltsstatus.

Für die Schweiz liegt ein Community Report von ProCoRe aus dem November 2024 vor. Die Stichprobe ist klein – 24 befragte Frauen und trans Frauen – und lässt keine Hochrechnung zu. Das Muster ist trotzdem deutlich: Die Mehrheit hat Gewalt im Arbeitskontext erlebt, rund die Hälfte berichtet von Diskriminierung, rund die Hälfte von Beschimpfungen. Die Diskriminierung wird mehrfach begründet – über Geschlecht, über Herkunft, über die Tätigkeit. Genau diese Verschränkung ist der Grund, warum Schutzkonzepte, die nur eine Dimension adressieren, in diesem Segment regelmässig ins Leere laufen.

Was Anbietende praktisch daraus machen können

  • Positionierung statt Kategorie. Die Portalkategorie beschreibt, was jemand ist, nicht was jemand anbietet. Wer im Inseratetext Ablauf, Dauer, Grenzen und Erreichbarkeit konkret beschreibt, filtert einen erheblichen Teil der Anfragen weg, die ohnehin nie zur Buchung geführt hätten.
  • Diskretion als bezahlte Leistung behandeln. In den Segmenten mit stark diskretionsbedürftiger Kundschaft ist Verschwiegenheit der eigentliche Wert. Sie sollte im Preis stehen, nicht im Goodwill.
  • Kontrolle über den Ort behalten. Hotel- oder Hausbesuche verlagern das Risiko vollständig auf die anbietende Person. Eine Rückmeldekette – jemand kennt Adresse, Zeitfenster und Rückmeldezeitpunkt – kostet nichts und ist die wirksamste Einzelmassnahme, die es gibt.
  • Verifizierung einfordern, ohne sich selbst zu outen. Kundenverifizierung über die Plattform ist besser als privat ausgetauschte Dokumente. Wer selbst verifiziert wird, sollte klären, welche Daten beim Portal liegen und wer sie sieht.
  • Anmeldung nicht aufschieben. Meldeverfahren, AHV-Status und Buchhaltung sind der langweiligste Teil – und der einzige, der später Rechte begründet.
  • Beratung suchen, bevor es brennt. Rahab, Aspasie, XENIA, die Aids-Hilfen und die städtischen Fachstellen beraten unabhängig vom Geschlecht und unterliegen der Schweigepflicht; ein Erstkontakt ohne konkretes Problem ist der günstigste Zeitpunkt.

Was Plattformen und Betriebe schulden

Ein Markt, der ein Segment bedient, trägt auch Verantwortung dafür, wie er es abbildet. Drei Dinge sind konkret machbar und werden 2026 noch zu oft unterlassen: Kategorienbezeichnungen, die aus Suchmaschinenlogik stammen und nicht aus Selbstbezeichnungen; Verifizierungsprozesse, die für trans Personen faktisch ein Ausweis-Outing erzwingen, weil ein Abgleich mit dem amtlichen Eintrag verlangt wird; und Moderationsregeln, die Belästigung im Nachrichtenkanal tolerieren, solange die Buchung zustande kommt. Keines dieser Probleme ist teuer zu lösen. Sie bleiben bestehen, weil das betroffene Segment klein genug wirkt, um es nicht zu priorisieren – und genau das ist der Punkt, an dem aus einem Datenloch eine Geschäftsentscheidung wird.

Fazit

Männliche und trans Sexarbeit ist in der Schweiz kein Nischenphänomen mit Kuriositätswert, sondern ein etabliertes Marktsegment, das schneller digitalisiert wurde als der Rest der Branche – und dessen Stützstruktur diesem Tempo nicht gefolgt ist. Es fehlt an Zahlen, an flächendeckender Beratung, an geschlechtssensiblen Verfahren bei Behörden und an Gesundheitsangeboten ausserhalb der grossen Städte. Was nicht fehlt, ist Nachfrage.

2026 ist dabei kein beliebiges Jahr: Mit dem Entscheid über die definitive Kostenübernahme der PrEP fällt Ende Jahr ein gesundheitspolitischer Beschluss, der dieses Segment stärker betrifft als jede andere Gruppe im Markt. Wer die Branche verstehen will, sollte ab jetzt aufhören, sie in der Einzahl zu denken.