Die Nummer, die vor dem ersten Termin steht: Beratungsstellen und Sicherheit für Sexarbeiterinnen im Land Bremen (2026)

Die Nummer, die vor dem ersten Termin steht: Beratungsstellen und Sicherheit für Sexarbeiterinnen im Land Bremen (2026)

Sicherheit in der Sexarbeit ist selten eine Frage von Mut oder Härte. Sie ist meistens eine Frage davon, ob im richtigen Moment die richtige Telefonnummer griffbereit ist – die Nummer, die weiterhilft, bevor aus einem Ärger ein Notfall wird und aus einem Notfall eine Sackgasse. Das Land Bremen hat für diese Momente ein erstaunlich dichtes Netz aufgebaut. Das Problem ist nicht, dass es zu wenige Anlaufstellen gäbe. Das Problem ist, dass sie über zwei Städte, mehrere Träger und ganz unterschiedliche Zuständigkeiten verteilt sind – und niemand dir beim Berufsstart eine saubere Liste in die Hand drückt.

Dieser Überblick sortiert das Netz nach der einzigen Frage, die im Ernstfall zählt: Wer hilft mir bei welchem Problem? Vom niedrigschwelligen Gespräch über die verpflichtende Gesundheitsberatung bis zur Stelle, die dich aus Zwang und Ausbeutung herausholt. Alles, was hier steht, ist anonym und kostenlos zu haben. Du musst deinen Namen nirgends nennen, um Rat zu bekommen.

Nitribitt e. V. – die erste Adresse in Bremen

Wenn es in Bremen eine zentrale Anlaufstelle gibt, dann ist es Nitribitt e. V., Treffpunkt und Beratungsstelle für Prostituierte. Der Verein arbeitet seit Ende der 1980er-Jahre und ist damit älter als das Prostituiertenschutzgesetz, älter als die meisten heutigen Debatten. Gegründet wurde er von Sozialarbeiterinnen und Sexarbeiterinnen gemeinsam – und diese Herkunft merkt man der Arbeit bis heute an: Nitribitt berät nicht über das Milieu hinweg, sondern aus ihm heraus.

Das Büro liegt in der Stader Straße 1 in 28205 Bremen, erreichbar unter 0421 448662. Die Sprechzeiten sind Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 14 Uhr, mittwochs von 12 bis 14 Uhr, Termine außerhalb dieser Zeiten nach Vereinbarung. Beratung ist grundsätzlich anonym und kostenlos.

Was Nitribitt konkret abdeckt

Ein großer Teil der Arbeit ist aufsuchend. Das Team geht dorthin, wo gearbeitet wird – in Wohnungen, Bordelle, Bars und Clubs, ausdrücklich auch in die Helenenstraße und die Cuxhavener Straße, also an die wenigen Orte, an denen Sexarbeit im Land Bremen überhaupt legal stattfinden darf. Wo diese Orte liegen und warum es im ganzen Bundesland nur eine Handvoll erlaubter Adressen gibt, haben wir in einem eigenen Beitrag zu den Sperrbezirken und legalen Arbeitsorten aufgeschlüsselt.

Inhaltlich reicht das Beratungsspektrum weit über das Rotlicht hinaus. Themen sind unter anderem:

  • Rechtliche Pflichten rund um Anmeldung, Gesundheitsberatung und Erlaubnisse,
  • Safer Sex und der praktische Umgang mit Kundinnen und Kunden,
  • Steuern und Abgaben – ein Dauerthema, das viele unterschätzen und das im Land Bremen mit dem norddeutschen Regelbesteuerungsverfahren eigene Tücken hat; wie du deine eigene Zahl statt einer pauschalen Schätzung durchsetzt, steht ausführlich im Beitrag zu Steuern und Sozialversicherung,
  • Gesundheitsfragen, Krisen im Alltag und die Begleitung beim Ausstieg,
  • schlicht: ein Gegenüber, das zuhört, ohne zu urteilen.

Nitribitt gibt Informationsmaterial zu vielen dieser Themen heraus, seit der EU-Osterweiterung bewusst mehrsprachig, und arbeitet für die Beratung von Migrantinnen mit Dolmetscherinnen. Der Verein ist Teil des bundesweiten Bündnisses der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (bufaS) – das ist keine Kleinigkeit, sondern ein Qualitätsmerkmal: Es bedeutet fachlichen Austausch mit gleichgesinnten Stellen im ganzen Land statt Insellösung.

Das Gesundheitsamt – mehr als der Pflichttermin

Viele lernen das Bremer Gesundheitsamt zuerst als Bürokratie kennen: Die Gesundheitsberatung nach dem Prostituiertenschutzgesetz ist bundesweit Pflicht – einmal vor Aufnahme der Tätigkeit, danach jährlich (bei unter 21-Jährigen halbjährlich). Ohne die Bescheinigung darüber gibt es keine gültige Anmeldung. Diese Beratung übernimmt in Bremen die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit des Gesundheitsamts. Wie sich dieser Pflichttermin in den gesamten Anmeldeweg einfügt – und warum er in Bremen und Bremerhaven unterschiedlich abläuft –, beschreibt der Beitrag zu den zwei Behördenwegen im Land Bremen.

Doch das Amt auf den Pflichttermin zu reduzieren, wäre ein Fehler. Die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit ist gleichzeitig eine echte medizinische Anlaufstelle – und zwar anonym und kostenlos, ausdrücklich auch ohne Namensnennung.

Tests, Impfungen, aufsuchende Beratung

Das Angebot umfasst Tests auf Syphilis, Chlamydien, Gonorrhoe (Tripper), Hepatitis B und Mpox (Affenpocken). Angeboten werden außerdem Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie gegen Mpox. Das ist mehr, als viele Hausarztpraxen ohne Nachfragen leisten – und es kostet nichts.

Wichtig für alle, die nicht ins Amt kommen können oder wollen: Die Beraterinnen und Berater gehen auch selbst raus und informieren dort, wo gearbeitet wird – auf der Straße, im Bordell, im Club, in der Wohnung. Die offenen Sprechstunden werden bei Bedarf durch Dolmetscherinnen und Dolmetscher unterstützt. Inhaltlich geht es nicht nur um Infektionsschutz, sondern auch um Schwangerschaft und Verhütung, um den Umgang mit Alkohol und Drogen, um persönliche Krisen und um Unterstützung beim Ausstieg. Das Gesundheitsamt versteht sich hier bewusst als Brücke: Wer Hilfe braucht, die es woanders gibt, wird weitervermittelt statt weggeschickt.

Wenn Zwang im Spiel ist: BBMeZ

Es gibt eine Grenze, an der freiwillige Sexarbeit aufhört und Ausbeutung beginnt – und an dieser Grenze braucht es eine spezialisierte Stelle. In Bremen ist das die Beratung für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution (BBMeZ), angesiedelt bei der Inneren Mission Bremen und seit 2002 im Einsatz.

BBMeZ richtet sich an Menschen, die gegen ihren Willen in der Prostitution arbeiten, die über ihre Arbeitsbedingungen nicht selbst bestimmen können oder die ihren Lohn nicht behalten dürfen. Das Angebot ist anonym, kostenlos, vertraulich – und unabhängig davon, wo die Tat geschehen ist. Bei Bedarf wird gedolmetscht. Die Beraterinnen begleiten Betroffene durch das gesamte polizeiliche Ermittlungs- und ein späteres Gerichtsverfahren, vermitteln Anwältinnen und Anwälte und helfen beim Antrag auf Prozesskostenhilfe.

Zu erreichen ist BBMeZ am Brill 2–4, 28195 Bremen, unter 0421 989662-40, -41, -42 oder -20. In Bremerhaven gibt es eine feste Sprechstunde: montags von 10 bis 15 Uhr bei „die theo“, Lutherstraße 7, 3. Etage, Raum 304 C.

Ein Punkt, der oft untergeht: Diese Stelle ist auch für Kolleginnen da. Wer im Nebenzimmer, in der Nachbarwohnung oder auf demselben Straßenzug den Verdacht hat, dass jemand nicht freiwillig arbeitet, muss nicht selbst ermitteln und nichts beweisen. Ein anonymer Anruf, ein geschildertes Bauchgefühl – das reicht, um Fachleute einzuschalten, die den Unterschied zwischen Vermutung und Verdacht einschätzen können. Neben BBMeZ hält auch die Polizei Bremen mit ihrem Opferhilfe-Wegweiser eine strukturierte Übersicht über das Bremer Opferschutzsystem bereit.

Bremerhaven: eigene Stadt, eigenes Netz

Wer im Land Bremen arbeitet, sollte eines nie vergessen: Bremen und Bremerhaven sind zwei getrennte Städte mit getrennter Verwaltung. Das gilt für die Anmeldung – und es gilt für die Hilfe. Die Bremer Nummern nützen in Bremerhaven wenig; die Seestadt hat ihr eigenes, überraschend gut ausgebautes Netz.

Beratungsstelle Marie (AWO)

Herzstück ist die Beratungsstelle Marie der AWO Bremerhaven in der Hafenstraße 192. Benannt ist sie nach Marie Juchacz, einer der ersten Frauenrechtlerinnen der deutschen Geschichte und Gründerin der AWO – Programm und Anspruch stecken schon im Namen. Marie berät alle Sexarbeitenden kostenlos und anonym, unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht.

Das Angebot ist bewusst breit: Hilfe bei Lebens-, Gesundheits- und Rechtsfragen, Begleitung bei Behördengängen, Unterstützung bei der Wohnungssuche, in Krisensituationen und bei der beruflichen Neuorientierung. Ergänzt wird die Beratung durch eine offene Sprechstunde mittwochs von 13 bis 16 Uhr und ein wöchentliches Frauencafé – ein niedrigschwelliger Ort, an dem man erst einmal nur ankommen darf, ohne ein Anliegen vorweisen zu müssen. Finanziert wird Marie von der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz.

Wer über einen Umstieg nachdenkt, findet hier einen konkreten Weg statt frommer Wünsche: Im gemeinsamen Projekt ZiBnet MARIE kooperiert die Beratungsstelle mit dem Zentrum für Arbeit und Bildung (afz) Bremerhaven, um Sexarbeitende beim Wechsel in einen anderen Beruf umfassend und individuell zu begleiten. Bremerhaven gehörte zu den bundesweit geförderten Standorten im Modellprojekt zur Unterstützung des Ausstiegs aus der Prostitution – die Erfahrung daraus steckt heute in der Regelarbeit.

Gesundheitsamt Bremerhaven

Auch medizinisch ist die Seestadt eigenständig aufgestellt. Die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit des Gesundheitsamts Bremerhaven bietet anonyme, kostenlose medizinische Hilfe und Sozialberatung – montags von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr. Beratung ist unter anderem auf Spanisch, Ungarisch, Rumänisch und Italienisch möglich, was der Realität der hiesigen Szene deutlich näherkommt als reine Deutsch-Sprechstunden. Die Anmeldung nach dem Prostituiertenschutzgesetz und die dazugehörige Gesundheitsberatung laufen in Bremerhaven über das Stadthaus 5 in der Hinrich-Schmalfeldt-Straße 30.

Sucht und Gewalt: die Schnittstelle, die niemand überspringen sollte

Es gibt einen Bereich, in dem sich Sicherheit, Gesundheit und soziale Not überlagern – und der zugleich am wenigsten sichtbar ist: die Sexarbeit suchtkranker Frauen. Wo Beschaffungsdruck den Preis diktiert, verschieben sich die Grenzen dessen, was jemand mitmacht. Fachleute in Bremen beschreiben den Kern des Problems nüchtern: Je stärker der Entzug, desto größer die Risiken, die eine Frau auf sich nimmt. Gewalt ist in diesem Feld leider keine Ausnahme.

Für genau diese Schnittstelle hat die Bremer Drogenhilfe reagiert. Das Angebot der Einrichtung Comeback richtet sich an suchtkranke, von Gewalt betroffene Frauen und verbindet medizinische Erstversorgung mit Beratung zu Safer Sex Work und Safer Use in einem. Das ist realistische Hilfe: Sie verlangt keinen Ausstieg als Eintrittskarte, sondern setzt dort an, wo die Frauen tatsächlich stehen.

Wichtig ist, diese Angebote nicht gegen die anderen auszuspielen. Eine drogengebrauchende Frau, die auf der Straße arbeitet, kann bei Comeback ankommen und von dort zu Nitribitt, zum Gesundheitsamt oder – wenn Zwang im Spiel ist – zu BBMeZ weitergereicht werden. Das Netz funktioniert, wenn man einen einzigen Faden davon zu fassen bekommt.

Ein Sicherheitsprotokoll, das dir keine Behörde abnimmt

So dicht das institutionelle Netz ist – der Alltag zwischen zwei Terminen findet ohne Zeugen statt. Diesen Teil der Sicherheit organisiert niemand außer dir selbst. Ein paar Grundregeln, die erfahrene Kolleginnen im Land Bremen teilen:

  • Ortsbindung nutzen. Die legalen Arbeitsorte im Land Bremen – allen voran die Helenenstraße – gelten seit Jahrzehnten als vergleichsweise streng regulierte Schutzräume mit klaren Regeln und sozialer Kontrolle. Diese soziale Kontrolle ist ein Sicherheitsfaktor, kein Nachteil: Wer in Sicht- und Rufweite von Kolleginnen arbeitet, ist messbar weniger verletzlich als allein hinter einer anonymen Wohnungstür.
  • Ein Mensch weiß, wo du bist. Vertrauensperson, vereinbarte Meldezeit, ein Codewort für „hol Hilfe“. Kostet nichts, ändert alles.
  • Zahlung und Rahmen vor der Leistung klären – schriftlich oder wenigstens klar ausgesprochen. Die meisten Eskalationen beginnen an einer Stelle, die vorher unklar geblieben ist.
  • Auffälligkeiten teilen. Wenn dir am Arbeitsort etwas nicht geheuer vorkommt – etwa Fahrzeuge, die immer wieder junge Frauen absetzen und abholen, ein Muster, das Anwohnende und Fachstellen in Bremen wiederholt beschrieben haben –, ist das ein Fall für BBMeZ oder Nitribitt, nicht für Wegsehen.
  • Die Nummern vorher speichern, nicht im Notfall suchen. Nitribitt, dein zuständiges Gesundheitsamt, BBMeZ, in Bremerhaven zusätzlich Marie – als feste Kontakte im Telefon, bevor du sie brauchst.

Der im Sommer 2025 veröffentlichte Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz hat auf Bundesebene erneut gezeigt, wie unterschiedlich Schutz in der Praxis ankommt. Für dich vor Ort heißt das vor allem: Verlass dich nicht darauf, dass das Gesetz allein dich schützt. Das Beratungsnetz tut es – aber nur, wenn du es kennst.

Die Liste, die du dir heute machen solltest

Sicherheit in der Sexarbeit ist kein Zustand, sondern Infrastruktur. Und diese Infrastruktur steht im Land Bremen bereit: eine milieunahe Fachberatung mit Nitribitt, ein Gesundheitsamt, das mehr kann als abstempeln, eine spezialisierte Stelle gegen Zwang und Ausbeutung mit BBMeZ, ein eigenes Netz in Bremerhaven rund um die Beratungsstelle Marie und ein Angebot für suchtkranke Frauen bei der Drogenhilfe.

Was fehlt, ist meistens nur der erste Anruf. Nimm dir die zehn Minuten, trag die für dich passenden Kontakte fest ein und merk dir eine Sache: Jede dieser Stellen berät anonym und kostenlos, keine verlangt deinen echten Namen, um dir zu helfen. Und für alles, was rechtlich verbindlich ist – Fristen, Anmeldung, konkrete Ansprüche –, gilt weiterhin: Frag im Zweifel direkt bei der zuständigen Behörde deiner Stadt nach, denn zwischen Bremen und Bremerhaven verlaufen die Wege getrennt.